Der Künstler Gregor Schneider will einen sterbenden Menschen, oder einen gestorbenen Menschen in einem schönen Ambiente mit künstlerischer Ambition ausstellen. Der Träger des Goldenen Löwen der Biennale Venedig 2001 will damit „die Schönheit des Todes zeigen“. Gleichzeitig soll der Raum ein „humaner Ort für den Tod“ sein, wo „Menschen in Ruhe sterben“ könnten. Bei seinem Projekt soll der Sterbende vorher alles bestimmen. Einen Menschen, der öffentlich sterben will, hat Schneider schon gefunden.
Er selbst würde gern in einem von ihm ausgewählten Raum in einem Museum sterben, umgeben mit Kunst. Er habe die Hoffnung, „schön, erfüllt zu sterben“. „Vielleicht schaffen wir das alle, wenn wir den Tod aus der Tabuzone befreien und zu einem positiven Erlebnis machen wie die Geburt eines Kindes.“
Mit seinen künstlerischen Ambitionen macht Schneider sich nicht nur Freunde. Er hat nach eigenen Aussagen bereits Morddrohungen erhalten. „Ich erhalte Empfehlungen per Telefon oder E-Mail, ich solle mich umbringen. Es gibt eine absurde Todesdrohung mir gegenüber“, die er aber gar nicht verstehen kann: „Skurrile Abgründe tun sich da auf. Es ist doch noch gar nichts passiert“
Viele Menschen haben die Kunst seit Joseph Beuys nicht mehr begreifen können, was selbstredend für eine Zeit ist, die sich von sich selber, scheinbar in unentwegter Zerstreuung, entfernt hat. Auch wenn man sich auf die Gedanken von Gregor Schneider einlassen will oder kann, scheinen sie jedoch dekadent. Es steht dann nicht ein Tabubruch mit einer vermeintlichen Störung einer Totenruhe im Vordergrund, sondern die Gesellschaft selber, die das Alter vergöttert, konservieren will, während dem Jungen kein Platz gelassen wird. Das Sterben im Museum würde zeigen, wie weit eine Gesellschaft selber das Sterben verdrängen will, keine Veränderung und keinen Wechsel mehr zulassen will. So ein Tod würde gleich wie einer Wunscherfüllung eines zutiefst sinnigen und vor allem kostspieligen Todes kommen. Der Tod als Event, als Ausdruck einer selbstbezogenen Gesellschaft? Als Ausdruck von eigensüchtigen Rentnern, die ein ganzes Land für ihren Konsum aussaugen?
Künstlerische Betrachtungen ergeben natürlich ihren Sinn durch das Prisma des Betrachters. Es scheint aber nicht sinnvoll, den Tod als Planbares hinzustellen, in dem noch ausführlich der Narzissmus zu seiner Geltung kommen will. Vielmehr ist er alles anders als planbar, und für jeden sehr individuell. Hier kommt also, ähnlich wie im Film von Marco Ferreri „Das große Fressen“ (1), nur der Anspruch einer Zeit zum Ausdruck, die fernab des Normalen ihre Denkkategorien errichtet hat.
Schneider erscheint hier aber nicht als kalkulierender Tabubrecher, sondern als naiver Künstler, der einen wohlmeinenden Anspruch für seine Kunst in Anspruch nimmt. Frappierend wird seine Naivität, wenn man sich seine Idee „Cube“ für die Biennale 2005 anschaut:
Seinem Standpunkt des naiven Wohlwollens blieb er auch damals treu: „Es ist nicht meine Idee, sondern Idee eines gläubigen Moslems. Er hat die Verbindung gesehen zur Kaaba, zu diesem Bauwerk, das für mich eines der faszinierendsten und schönsten Bauwerke der Menschheit ist.“, so damals Schneider im Originalton und: „Die Skulptur verlangt allen Beteiligten einiges ab (…) Die Kiste führt uns alle vor, zwingt mich dazu, gegen falsche Berichterstattung vorzugehen und die Öffentlichkeit zu suchen, was ich früher nicht machen musste. Es fordert Muslime, die diese Form der Annäherung noch nicht kannten, und es zeigt Besuchern aus der westlichen Welt, was sie noch nie gesehen haben.“
In Gregor Schneider scheint sich die morbide Lust der Dekadenz an ihrem eigenen Untergang mit der unendlichen Gier nach Dingen, die man noch nie gesehen hat zuzuspitzen. Zum einen ist es nicht schlecht, wenn sich wahrscheinlich kranke Menschen in dieser Art ausdrücken können, zum anderen eine unkritsche Gesellschaft das Fatalere.
(1) http://de.wikipedia.org/wiki/DasgroßeFressen