Bilder von Leiche zu hart für Kitsch-Prozeß bei Gericht?
Irgendwie seltsam wie sich billiger Sensationsjournalismus über einen Forensiker empört, der es gewagt hatte Bilder einer Kinderleicher im Gericht zu präsentieren, über die er ein Gutachten erstellen sollte?
Mordfall Michelle! Mich hat er nie interessiert, weil mir Betroffenheitsjournalismus auf die Nerven geht. Das Opfer Michelle wurde von der Öffentlichkeit instrumentalisiert sich emotional zu erschüttern und auch die böhsen Onkelz von der NPD entdeckten ihr Herz für das getötete Kind und veranstalteten Märsche unter dem Motto “Todesstrafe für Kinderschänder”.
Zum Glück haben die Polizeikräfte diesmal keine “Killerspiele” bei dem Angeklagten gefunden, - denkt man so bei sich. Ebenso ist es gut, dass das Opfer Deutsche war und keine “Jungmuslima”, weil bei der Konstellation mit deutschem Angeklagten dann mit Muselmania zu rechnen ist.
Also alles Irrenhaus und wenigstens vor Gericht sollte irgendwann kalter, nüchterner Sachverstand einkehren. Jetzt aber empören sich Schundblätter wie der “Spiegel” über den forensischen Gutachter, der wohl Photos der Leiche im Gerichtssaal gezeigt haben soll. Das würde das Opfer “entwürdigen”!
Aber hallo! Wer entwürdigt denn hier das Opfer um Auflagen zu steigern? Und warum geht man eigentlich zu einer Verhandlung eines Mordfall bei Gericht? Ich würde mit soetwas rechnen und wenn ich es nicht sehen will, dann bleibe ich weg, wie auch die Eltern von Michelle an diesem Tag. Über alles andere wird schleimig-emotional berichtet, was irgendwie die Oma beim Frisör interessieren könnte. Letztlich übernimmt hier die Billigpresse die Regie für einen Gerichtsprozeß. Ich hoffe den Typen ist bei den Bildern wenigstens richtig übel geworden. Natürlich ist der Forensiker schon eingeknickt und würde soetwas “nie wieder” machen. Rechtsmediziner waren für mich die letzten noch mit Berufsethos, - bis heute gewesen.






Ich habs gestern gelesen und bin seit der Lektüre ambivalent.
Im Sinne der Angehörigen sollten Bilder von Kindesmisshandlungen/-tötungen im Gerichtssaal nur im kleinen Kreis und/oder auf ein Minimum beschränkt gezeigt werden.
Im Sinne der Informationsfreiheit sollte es keine Beschränkungen im Gerichtssaal geben, da auch ich ich fürchte, dass über das Thema “Kindesmisshandlungen/-tötungen” eine, wie auch immer geartete Zurückhaltung von Bildern von “Ehrenmorden” u.ä. Taten erfolgen könnte.
Comment by Wilhelm Entenmann — August 18, 2009 @ on August 18, 2009 at 9:30 pm.
Ich denke es bringt nichts, die rechtsmedizinische Erörterung jetzt extra für Laien zu entschärfen. Richter/Staatsanwaltschaft (selber in diesem Gebiet Laien) müssen sich anhand der Expertise selber ein Urteil bilden können, um ihr Urteil zu fällen. Da haben die Angehörigen nichts mit zu tun, das ist vor einem Gericht nun mal so. Vor einem gutmenschelnden Gericht, was nur dem Urteil des Sachverständigen blind folgt, ohne sich selber einen Überblick zu verschaffen, graut mir viel mehr, da dann die Wahrscheinlichkeit von Fehlurteilen signifikant steigen würde. Die Öffenlichkeit hat übrigens auch ein Recht sich über die Tat zu informieren. Jedoch würde ich mir persönlich es wirklich überlegen zu einer rechtsmedizinischen Demonstration eines Mädchenmordes zu gehen. Zumindestens würde ich dann nicht nachher naiv tun und den Experten verunglimpfen. Er tut nur seine Arbeit und das auch im Sinne des Opfers.
Comment by geisteswelt — August 19, 2009 @ on August 19, 2009 at 4:59 am.
Trotz aller erforderlichen Nüchternheit in der Wissenschaft, so kennt diese, ob nun Medizin oder Psychologie, stets einen ethischen Codex, z.B. APA’s Ethics Code.
…und wohl auch in der Medizin gibt es einen solchen:
Gerichts-Mediziner entschuldigt sich für Leichen-Fotos!
Comment by Wilhelm Entenmann — August 19, 2009 @ on August 19, 2009 at 8:21 pm.
Ach “Ethik”! Das ist doch auch so ein modernes Füllwort ohne Inhalt? Der Rechtsmediziner interessiert sich für Tote und was man daraus herleiten kann. “Ethik” hat da nichts verloren und stört vollkommen. Für mich ist es eines von vielen Symptomen einer Gesellschaft, die mit “Ethik” vieles einfach nur nicht diskutieren will oder nicht mehr kann.
Ich frage mich, warum geht man zu einem Vortrag bei einem Rechtsmediziner? Richtig, um den Tathergang, auch für sich, zu rekonstruieren. Aber was macht der Pressepulk? “Och da wurde ein Geschlechtsteil gezeigt!” Die Frage wäre nämlich jetzt, was zieht man daraus für Schlüsse? Man kann nämlich zB daraus Kenntnisse ziehen, ob er sein Opfer mit oder ohne Gewalt mißbraucht hat.
Für den Prozeßverlauf sind das nicht unwichtige Fragen. Aber darüber wird nie etwas geschrieben. Vielleicht weil die Pressefuzzies keine Ahnung haben oder auch keine Lust. Ich bin es einfach Leid mich mit der “Empörung” und “Ethik” von Idioten zu beschäftigen. Wer außer “Empörung” nichts von einem rechtsmedizinischen Vortrag mitnehmen oder wiedergeben kann ist ein Idiot und auch im falschen Beruf.
Comment by geisteswelt — August 20, 2009 @ on August 20, 2009 at 6:04 pm.
Du vermengst Deine (mit mir geteilte) Abneigung gegen die Gutmenschpresse mit dem in der Wissenschaft tatsächlich selbst gegebenen Ethikgebot und dessen Sinn.
Stelle Dir einmal vor, ich hätte einst Versuchspersonen in der Experimentalgruppe ohne deren Wissen eine Droge verabreicht um irgendein menschliches Verhalten erforschen zu können - stelle Dir vor, dass Du in der Exprimentalgruppe gewesen wärst.
Schachter & Singer haben dies (Verabreichung von Drogen ohne Kenntnis der Versuchspersonen) in den 50er Jahren gemacht und fanden heraus, dass Emotionen aus der Wechselwirkung zwischen physiologischer Erregung und der darauf bezogenen situativen kognitiven Interpretation entstehen - was übrigens auch entfernt etwas mit den Reaktionen (Emotionen, Bewertung der Bilder durch Laien) auf die Leichenbilder bei Geichtsverhandlung zu tun hat.
Anmerkung: Heute sind derlei kontrollierte Experimente in der Psychologie verboten, selbst wenn der Erkenntnisgewinn wie bei Schachter und Singer sehr groß wäre.
Wie würde Dir eine unwissend verabreichte Droge, also eine Manipulation der Physiologie Deines Körpers gegen Deinen Willen, “schmecken”?
Du bist für die grenzenlose Freiheit der Wissenschaft…, dann werde Versuchskarnickel.
Comment by Wilhelm Entenmann — August 20, 2009 @ on August 20, 2009 at 6:49 pm.
Wilhelm, Du gutmenschelst hier! Was haben denn die Versuche von Schachter&Singer (hängen die mit dem Projekt Artischocke zusammen?) mit einer Demonstration von Beweisgegenständen in einem Mordprozeß zu tun?
Bei der Gerichtsmedizin handelt es sich übrigens nicht um eine Wissenschaft, die forscht, was noch gehen könnte oder bis jetzt keiner weiß, sondern um eine Methode der Analyse von Fakten. Ich richte mich gegen eine Zensur von Tatsachen, die der öffentlichen Meinungsbildung dienlich sein könnten. Dieser Fall steht hier nur allegorisch. Aber auch hier erwarte ich von einem Gerichtsreporter eine Zusammenfassung der Inhalte des forensischen Gutachtens und keine Pille-Palle-Argumentation.
So gesehen hinkt Dein Vergleich und Du mußt Dich schon bemühen ihm ein wenig auf die Beine zu helfen!
Comment by geisteswelt — August 20, 2009 @ on August 20, 2009 at 7:32 pm.
Ich hinke nicht! Ich gutmenschle nicht!
Ob angeandte Wissenschaft oder deren Forschung, die Ethik wird in allen Wissenschaften auf ihre Bereiche angewandt.
Du hast Dein Recht auf Deine Meinung als Laie, ich sag Dir lediglich, wie es in der Wissenschaft gehandhabt wird.
Wohlgemerkt, ich teile Deine Befürchtung der Zensur (der Wissenschaft, meiner heiligen Kuh) durch bestimmte Journalisten, welche den vorliegenden Fall nur für etwas anderes nutzen wollen, i.e. Fakten über “Ehrenmorde” etc. vor Gericht wegen der Ethikkeule verschweigen müssen.
Aber dies (Einmischung der Presse) ist unabhängig davon zu sehen, ob der Mediziner gemäß den Standards seiner Wissenschaft gegen die Ethik verstoßen hat.
Mit dem Projekt Artischocke (für mich neu) hatte das Experiment von Schachter & Singer nichts zu tun
-> The Schachter-Singer Theory of Emotion.
Leider wird dort das Experiment nicht ausführlich dargestellt.
Bei Artischocke wurde die Möglichkeit von Drogen zur “Wahrheitsfindung” untersucht, Schachter & Singer benutzten Drogen lediglich zur Herstellung eines physiologischen Erregungszustandes.
Comment by Wilhelm Entenmann — August 20, 2009 @ on August 20, 2009 at 8:22 pm.
Nicht Du, sondern Dein Vergleich hinkt und Deine Argumentation ist klassisch gutmenschlich, wie ich zeigen werde! Ein Gutmensch argumentiert mit “Soft-Fakts” wie “die Ethik”, die angeblich wie ein Gott in alle Wissenschaften einer Sonne gleich hineinscheinen soll. Das ist eine Scheinargumentation, da man mal die Frage stellen sollte: gibt es “eine Ethik” oder vielleicht nicht doch mehr als sich ein Gutmensch vorstellen kann? Ich denke, man muß darüber nicht lange diskutieren, jeder hat seine Ethik, ich, Du, die Mohammedaner, die Sünder. So ist es auch in der Rechtsmedizin, die eben eine Ethik der schonungslosen Offenheit hat und nur der Wahrheit verpflichtet ist. Manche andere Ethik stößt sich daran, so diese Soft-Verständnis-Ethik, die aber - bei rechtem Licht - eben die Ethik der Sünder ist.
Um es abzukürzen: Eine allumfassende Ethik würde im Totalitarismus enden. Das ist sicher das Hauptwunschziel des Gutmenschen. Deshalb haben wir Nachrichten, die nicht mehr informieren, Menschen, die nicht mehr denken, sondern sich so-oder-so zeigen (hier bestürzt) und eine Politik, die verschleiert. Es ist der selbe Geist, der den Papst meint kritisieren zu müssen und Muslime ins Land läßt, weil es “cool” sein soll. Ich nenne das den Gossengeist der Gutmenschen, der bar jeder Ahnung sich berufen fühlt über die Welt zu richten. Genau diese Leute wollen jetzt der Rechtsmedizin ihre Grenzen aufzeigen, sie gutvermenschlichen!
Nebenbei hatte ich das Vernügen schon ein paar Mal rechtsmedizinischen Demonstrationen beiwohnen zu dürfen und weiß worum es dabei geht. Affekt-Pumpen empfinde ich als erbärmlich unprofessionell.
Comment by geisteswelt — August 21, 2009 @ on August 21, 2009 at 4:43 am.
“Himmel-sakra-Donnerwetter-nochmal”, Du argumentierst “Pro Wissenschaft” und ich lege Dir hier Bericht darüber vor, dass sich selbst die einzelnen Wissenschaften selbst ethische Regeln auferlegen, dabei bereits schon vor dem Gekeife der Presse.
Spätestens nach den Menschenversuchen der Nazis (Anmerk.: wahrscheinlich wirst jetzt eine Nazikeule erkennen und mich definitiv zum Gutmenschen erklären) ist den Wissenschaften klar geworden, dass es gewisse Grenzen zu setzen und einzuhalten gilt.
Du argumentierst für die Wissenschaften -
worüber ich mich persönlich freue, da auch ich einmal wegen eines Experimentes von einem linken Professor einer anderen Hochschule angemacht wurde (er forderte von meiner Professorin eine Art Entschuldigung bzw. “meinen Kopf”) und deshalb sehr gut um die Bedrohung von Forschung und Lehre durch Gutmenschen weiss -
dann musst Du Dich aber auch mit deren eigenen Standards (Ethiknormen) auseinandersetzen.
Ich glaube, dass Du einfach zu wenig um den Wissenschaftsbetrieb, ob nun in Forschung, Lehre oder Anwendung, zu wissen weisst.
Comment by Wilhelm Entenmann — August 21, 2009 @ on August 21, 2009 at 9:53 am.
Ich argumentiere nicht pro Wissenschaft, sondern es geht hier um ein gerichtliches Gutachten. Ehrlich weiß ich nicht, wieso Du hier immer von “Wissenschaft” redest? Schon ab Kommentar 6 bist Du im off-topic! Ich finde das gutmenschlich!
Vielleicht faßt Du einfach in ein paar kurzen Sätzen zusammen, wo bei Dir jetzt eigentlich das Problem liegt?
Was Du jetzt hier meinst sind die Ethikkommissionen, die sich wie ein Krebsgeschwür die letzten Jahre ausgebreitet haben und bei denen Studien angemeldet werden müssen. Die sind aber von der Politik aufgezwungen worden und jetzt nicht Ausdruck eines “ethischen” Grundtriebes der Wissenschaft. Leute in einer solchen Kommission sind auch nicht sonderlich hoch angesehen, außer wenn man sich offiziell äußern muß. In den gesellschaftwissenschaftlichen Disziplinen ist das - ich kann es mir ausmalen - natürlich anders. Aber gerade darin wird doch deutlich, dass die Freiheit der Wissenschaft in Deutschland eben nicht so wie anderswo ist. Und, um zum Thema zu kommen, man muß nicht als Gutachter sein Gutachten vor Gericht zuvor einer “Ethikkommision” vorlegen. Das würde ja immer schöner werden.
Comment by geisteswelt — August 21, 2009 @ on August 21, 2009 at 11:13 am.
Ich geb’s auf!
Die Gutmenschenkeule ist ein ebenso extremes Instrument wie all die anderen Keulen, wenn es darum geht, sich dem schwierigen Weg dazwischen entziehen zu wollen bzw. zu können.
Comment by Wilhelm Entenmann — August 23, 2009 @ on August 23, 2009 at 5:20 pm.
Sorry, hast recht! Emotionale Themen sind vielleicht nicht meine Stärke. Trotzdem denke ich, dass der Rechtsmediziner im Recht war, seinen Vortrag frei zu gestalten.
Comment by geisteswelt — August 23, 2009 @ on August 23, 2009 at 10:00 pm.