Die proteische Gesellschaft!
Proteisch kommt von Proteus, welcher ein griechischer Meeresgott war. Eine proteische Persönlichkeit wird als extrem “anpassungsfähig” beschrieben. Proteus als Gott selber entzog sich in Mythen der Beantwortung von Fragen durch völlige Formwandlung/Veränderung und kann vielleicht als Erfinder der bewußten Beliebigkeit unserer Zeit (Alles ist wahr … in irgendeinem Zusammenhang) betrachtet werden. Ein besonderer Motor dieser psychologischen Veränderung sollen übrigens soziale Netzwerke im Internet darstellen. Wikipedia schreibt dazu:
Hintergrund dieser Entwicklung ist das Aufkommen von Netzwerken wie dem Internet, in dem die Menschen sehr viel Zeit verbringen und wo sie ganz unterschiedliche Rollen annehmen können. Die Anzahl der Interaktionen mit den unterschiedlichen Menschen nahm rapide zu. Auch der gegenwärtig stattfindende rasante technische und soziale Wandel verlangt einen flexiblen Menschen, der sich an verändernde Umwelten, neue Umstände und verschiedene Erwartungen problemlos anpassen kann. Menschen, die sich als autonomes Individuum verstehen, werden nach dieser Theorie langsam zum Anachronismus.
Ob die Kausalität stimmt weiß ich nicht, die Dynamik, dass ein autonomer Mensch zum Anachronismus dieser Zeit geworden ist, ist aber nicht zu bestreiten.
Die Dynamik der Entindividuation wird schon lange vor dem Internet beschrieben. Individuation ist ein alter, psychologischer Begriff, der grob gesagt Persönlichkeitsentwicklung meint. Nach Freud und Jung, damaligen Vordenkern der Psychologie, ist Individuation ein sehr schmerzlicher Prozeß. Individuation heißt sich erkennen, wie man ist. Das “Ecce Homo” am Kreuz Christi sagt es eigentlich, dass die Menschwerdung Christi (er wurde nach christlicher Auffassung vom Gott zum Menschen), die ja symbolisch für die Individuation aufgefaßt werden kann, schlußendlich im Hohn und Spott der Kollektivgesellschaft enden muß. Objektiv mag es leichter sein im Schein einer kollektiven Übernatürlichkeit sich einzugliedern, als die meist schmerzlichen Erfahrungen des realen, persönlichen Seins zu reflektieren.
Ein großes Rätsel der modernen Zeit ist es Individualität mit Spaß anscheinend vereinen zu können. Meines Erachtens wird hierbei ein Taschenspielertrick angewandt. Der Dreh geht nämlich Individualität innerhalb der vom Kollektiv gegebenen Grenzen erleben zu dürfen, sich der Begrenztheit dieser, durch einen starken Überreiz der individuellen Eskapaden in unendlich vielen sich aneinanderreihenden Episoden, überhaupt gar nicht bewußt zu werden.
Gemeint ist die Reizüberflutung des modernen Menschen. Immer neue Urlaubsarten oder Arten der Mode, immer neue Angebote beim Shoppen oder eine Unzahl an Internetseiten bieten Anlaß zum rauschhaften Ausbruch aus der kollektiven Überpersönlichkeit, die bei allem nicht in Frage gestellt wird. Das System beschäftigt seine Opfer sogar dermaßen, dass sie sich ihrer Ketten nicht bewußt sind.
Individuation wird somit keine bittere aber nötige Erfahrung, sondern zu einer Illusion, die wenn sie erahnt wird sogar zur “Identifikation mit dem Aggressor” führt. Heißt den Sarkasmus derer nährt, die hinter Spaß und Freiheit zur Gleichheit den Schüsselrand zu erahnen beginnen.
Im Rütlischwur nach Schiller hieß es unter anderem:
Wir wollen frei sein, wie die Väter waren, eher den Tod, als in der Knechtschaft leben. Wir wollen trauen auf den höchsten Gott und uns nicht fürchten vor der Macht der Menschen.
Wie aus dunklen, historischen Weiten erscheint heute dies, denn heute müßte man die Verse invertieren, um Aussagekraft zu bekommen:
Wie wollen weder frei, schon gar nicht wie die Väter werden. Lieber in unwissender Knechtschaft, als im Tod, den ewig ungewissen. Deshalb wollen wir verachten den höchsten Gott, und uns fürchten vor der Menschen Macht.





