Maikrawalle nicht vergleichbar mit Vergewaltigung?
Berlins Innensenator Ehrhart Körting (SPD) scheint ein Freund klarer Worte zu sein. Bezüglich zu den diesjährigen Maikrawallen sogenannter Autonomer in Berlin erklärte er sich wie folgt: „Das ist wie bei Sexualdelikten: Ist die Frau erst mal ausgezogen und vergewaltigt, dann fällt es anderen leichter auch mitzumachen.“ Dafür wird er jetzt von “liberal-konservativen” Politikern öffentlich heftig mit den üblichen Empörungsfloskeln bedacht: bis zum Rücktritt wird da gemeint fordern zu dürfen. - Ein Kommentar
Zeitungen wie die “Bild” sind in ihrer Onlineausgabe in dieser Beziehung recht lesenswert, um den moralischen Verfall der deutschen Gesellschaft zu veranschaulichen. Neben Headlines wie “Steinhagel auf dummen Balkon-Nazi”, in denen linke Selbstjustiz beinah schon verherrlicht scheint, wird dann, als wäre es wirklich eine schlimme Tat, über Körtings “Entgleisungen” berichtet.
Was Körting mit seinen Worten beschreibt entspricht der Broken-Windows-Theorie. Einem Modell, das urbane Gewalt erklären will und vornehmlich in konservativen Gewalt-Präventionskonzepten Beachtung findet. Trotzdem wird auf den SPD-Mann verbal eingedroschen, von Leuten, die eigentlich solche Konzepte politisch durchsetzen sollten. Das nimmt man wenigsten an. Was steckt dahinter?
Zum einen der Tabubruch keine politisch-korrekte Sprache dafür benutzt zu haben. Das ist eigentlich der einzige Punkt, der aber fatal ist. Wurde in richtigen Demokratien die Rede- und Ausdrucksfreiheit noch hoch geschätzt, so wird in modernen Postdemokratien aufgrund von “Formfehlern” jede Diskussion im Keime erstickt. Vieles “kann man heute einfach nicht mehr sagen”, obwohl es doch auch wahr scheint! JEDER kann sein Leben daraufhin testen, um den Verlust an Freiheit zu realisieren und dann kann man sich fragen: wie wäre es als Politiker? Würde man Politiker werden wollen, obwohl es doch eigentlich “Bürgeramt” einmal hieß?
Das ist ein komplexer, gesellschaftlicher Prozeß in allen westlichen Postdemokratien, in denen Medien, Politik, Justiz und Wirtschaft zunehmend das Monopol über die Definition des öffentlichen Lebens und dessen Gestaltung übernahmen. Der Einzelnde fiel raus. Er störte nur in diesem Konzept.
Man kann es “Tabu-Gesellschaften” nennen, in denen Wahrheit tabuisiert und der Tabubrecher kriminalisiert wird, während andere gesellschaftliche Mißstände immer egaler werden. Kennzeichnend, dass mittlerweile auch das “konservative” Lager der staatlichen Parteienlandschaft dieses Konzept des heiligen “Tabus” internalisiert und realisiert hat. Zeigt es doch überdeutlich, dass diese Parteien keine Alternative zu der “Political Correctness” darstellen.
John Stuart Mill meinte einmal zu diesem Problem, dass ein Tabu der Sicherstellung des Status quo der Gemeinschaft diene. Es sei das Gegenstück zur Konvention, zur Norm, zur Sitte - dem, was man tun soll. Damit ist das Tabu im Moralsystem verordnet. Tabus unterdrückten somit nichtkonformes, abweichendes Verhalten.
Die Parteien sollten sich fragen, was für Werte sie vertreten und man kann dies - frei nach Mill - an ihren Tabus erkennen: Randalieren in Städten und Beamte verprügeln ist in Ordnung oder darf nur in politisch korrekten Floskeln ritualisiert kritisiert werden. Dagegen Stellung zu beziehen, auch persönlich-emotional ist ein Tabubruch, weil dieser Tabubruch angeblich die sexuelle Gewalt “verharmlosen” würde. Diese Politik stellt also Einzelschicksal über den Zusammenfall der öffentlichen Ordnung in deutschen Großstädten! Auf jeden Fall hat sie sich mit der zunehmenden Gewalt in Deutschland abgefunden. Ist so eine Politik langfristig überlebensfähig?





