Laßt die Gustloff im Schlick!
Ein Satz aus dem deutschen Staatsfernsehen ist mir in Erinnerung geblieben: “Autobahnen? Das geht nun wirklich nicht!” So servierte einer der angestellten Fernsehmoderatoren Eva Herman ab und schmieß sie aus der Sendung. Egal, ob dieser Moderator Frau Herman jetzt bewußt falsch verstanden hatte oder - was auch gut möglich sein kann (1) - einfach sein Weltbild zu beschränkt war ist ja mittlerweile egal.
Aber mit diesem Hintergrund war ich schon überrascht, dass jetzt momentan ein Zweiteiler “Die Gustloff” im Fernseh läuft. Liest man sich Handlungsstränge und Kritiken durch, so gewinnt man den Eindruck die Sendeanstalten mit volkspädagogischen Auftrag betrieben immer unverblümter ihre muntere Gegen-Reeducation.
Der Film spielt auf dem Nazischiff “Wilhelm Gustloff”. Wilhelm Gustloff war ein Nazifunktionär, der von einem Juden in der Schweiz erschossen wurden. Zitat Wikipedia: Am 4. Februar 1936 erschoss ihn der Medizinstudent David Frankfurter, Sohn eines Rabbiners, mit vier Schüssen aus einem Revolver. Daraufhin stilisierte ihn die nationalsozialistische Propaganda zum sogenannten „Blutzeugen der Bewegung“. Das neueste und größte KdF-Schiff, das eigentlich auf den Namen „Adolf Hitler“ getauft werden sollte, wurde von Hitler persönlich in „Wilhelm Gustloff“ umbenannt. Die Taufe vollzog Hedwig Gustloff, Witwe des Ermordeten und frühere Sekretärin Hitlers.
Also beinah hieß der Kahn auch fast noch “Adolf Hitler”, bevor der “Blutzeuge der Bewegung” zu seiner “Ehre” kam. - Aber das deutsche Fernsehen wäre nicht so plump in eine offensichtliche Nähe des damaligen Regimes zu geraten. Nein es geht jetzt nicht um die Täter, sondern um Opfer! Schaut man sich die Palette nationaler Geister an, dann steht auch dort das Tätermotiv vollständig im Hintergrund. Der Deutsche war in erster Linie Opfer der Weltkriege. Ein anderes beliebtes Thema ist das Jammern über die Bombenangriffe auf deutsche Städte. Jetzt bringt das ZDF einen Film, der in der Form eines Actionfilmes damalige Deutsche als Helden und Opfer zeigen soll. Letztlich ist es aber genau dasselbe, was die NPD mit ihrem “Bombenholocaust” über Dresden betreibt! Eine plumpe Emotionalisierung, sowie Fixierung auf die Opferrolle, was schlußendlich die leidige “Schuldfrage” der deutschen Geschichte relativieren soll.
Es gibt durchaus gute deutsche Filme über den 2. Weltkrieg. “Stalingrad” oder “Das Boot” waren sehr realistisch und man konnte sie in keiner Weise verdächtigen für die eine oder andere Seite Partei ergreifen zu wollen. “Die Gustloff” kann an diese Tradition nicht anknüpfen, zu sehr ist das Drehbuch an die dramatische Erwartungshaltung des Publikums angepaßt und der realen Geschichte entfremdet.
Ich persönliche stelle mir die Frage, ob so ein Film vor der Wende, also zu einer Zeit in der quasi der Besatzungsstatus noch galt, möglich gewesen wäre? Oder sind das die Blüten eines neuen Nationalbewußtseins, das gegen Amerikaner, Polen, Schweizer und Liechtensteiner sich krampfhaft und gehässig versucht abzuheben? Irgendwie paßt dieser Film schon in das gesellschaftliche Klima dieser Republik. Man hätte ja eigentlich auch ein völlig anderes Thema nehmen können, zB einen Film über Otto Lilienthal, anstatt immer wieder krampfhaft einen Bezug zur Nazizeit herstellen zu wollen.
(1) Laut “Stern” soll sich Kerner auch euphorisch zu diesem Film mit dem Nazischiff geäußert haben: so viel ZDF-Eigenwerbung war nie. Nicht nur “Kerner” und “Wetten, dass…?” sind im “Gustloff”-Fieber, auch “Frontal 21″ und das “Frühstücksfernsehen” berichten euphorisch.






Ich habe weder den Gustloff-, noch den Dresden-Film gesehen, wie auch schon seit Jahren keine Verfilmungen über Anne Frank oder ähnliche Schicksale mehr als “deutsche Pflichtübung” ansehe.
Aber ich fordere: “Hebt die Opfer aus dem Schlick!”, “Gebt der Asche der Menschen aus den Brandruinen wieder ein Gesicht” und “Lasst von russischen Schwänzen vergewaltigte Mädchen reden!” - auch sie waren Opfer, verdienen der Erinnerung und Würdigung, ja, auch eines eigenen Vertriebenzentrums.
Wer diese Opfer verschweigt, ja, wie von so antideutschen Idioten geschehen, auch noch als Täter tituliert ist, ich mach’s kurz: ein Schwein!
Comment by Wilhelm Entenmann — March 4, 2008 @ on March 4, 2008 at 6:49 pm.
Ach großer Pathos ist für den Moment aber nicht mehr!
Man sieht hier auch ganz gut den Mechanismus, der hinter solchen Verfilmung für Massenpublikum steckt. Wir reden hier nicht über eine exakte geschichtliche Aufarbeitung, sondern über eine romanhafte Verklärung der Geschichte, die Sympathie/Antipathie erzeugen soll.
Da ereifert man sich über Tote eines vergangenen Krieges, den man gar nicht miterlebt hat. Es ist nicht mein Krieg und auch nicht Deiner und jetzt soll man den Opfern dieses Krieges Respekt und Andenken zollen? Warum eigentlich? Lassen wir uns da nicht von der Großelterngeneration nachträglich mißbrauchen?
Sollen sie doch im Stillen gedenken, wie sie wollen! Aber nicht mit ihren “Vertriebenenzentren” das Verhältnis zu den deutschen Nachbarn stören. Schließlich müssen wir im Gegensatz zu denen noch ein Stückchen länger mit den anderen Europäern zusammenleben. Von der Kriegsgeneration sollten in 10 Jahren die meisten tot sein. Es macht meiner Ansicht nach den guten Stil und Ton aus, seinen Nachfahren mit autobiographischen Themen nicht unnötig das Leben schwer zu machen.
Comment by geisteswelt — March 4, 2008 @ on March 4, 2008 at 8:01 pm.
Ich habe den Film u.ä. nicht gesehen, ich schaue nur auf die Fakten und spreche auch mit Überlebenen.
Lerne aktuell über jene Dinge, welche man in der Schule “verweigert” hat.
Wenn Erinnerung und Würdigung nur eine Sache der jeweiligen Generation ist, so wären auch alle anderen diesbezüglichen Aktivitäten fortan einzustellen.
Es ist wohl klar, was dies bedeuten würde(?).
Die Streichung der Schicksale aus Dresden, der Gustloff oder der Vertriebenen aus Ostpreußen aus der Geschichte wäre nicht nur zynisch gegenüber den Opfern (”in 10 Jahren eh alle tot”), sondern auch eine Geschichtsfälschung, welche den Mythos nährt, daß Deutsche (und hier werde ich bewußt “nationalistisch”) immer Täter sind.
Ein Mythos, der z.B. auch den aktuellen Umgang mit dem Brand in Ludwigshafen möglich macht und somit Leuten wie Erdogan leichtes Spiel macht.
Mythen und Geschichtsfälschung, wie diese auch in der Geschichte der USA betrieben werden.
Ich habe mich in den letzten Wochen mit der Geschichte des amerikanischen Bürgerkrieges beschäftigt, bei welchem ich bislang immer annahm, daß die CSA die Bösen gewesen seien - eine Wahrnehmung der Geschichte, wie diese wohl gewollt ist.
Sklaverei ist Schei**e, keine Frage. Aber daß die Sklaverei nur ein Vorwand für die Yankees war, um sich über Dixie herzumachen, weil es um die Industrie des Nordens ging, … dies ist etwas, was ich bislang nicht gewußt habe und mir die Konföderation in einem völlig anderen Licht erscheinen läßt.
Ich verstehe inzwischen auch den Zorn vieler Südstaatler, wenn man ihre Flagge, welche eben auch Geschichte und Identität bedeutet, in den letzten aus der Öffentlichkeit zu verbannen sucht, Bsp. (schon älter):
http://www.youtube.com/watch?v=AYr6gxZQlFs
Mir geht es nicht um Revanchismus. Mir geht es um Geschichtsfälschung, auch durch Weglassung!
So wie die Nazis zur deutschen Geschichte gehören, so tun dies auch die Opfer von Dresden oder der Gustloff.
Auch gehören zur deutschen Geschichte die jahrhundertelangen Überfälle der Franzosen auf das Rheinland (kaum bekannt), die Badische Revolution (kaum bewußt), die DDR (gut versteckt),… ach ja, und daß es mit Wilhelm Wundt ein Deutscher war, der die Psychologie als Wissenschaft begründet hat - es gibt auch Dinge ohne Blut, welche zu erwähnen sind.
PS: Den Nachkommen der Vertriebenen steht ein eigenes Zentrum zu. Es ist ein Teil ihrer eigenen Geschichte und Identität, welche nicht der PC geopfert werden sollte.
Comment by Wilhelm Entenmann — March 5, 2008 @ on March 5, 2008 at 8:43 am.
Wenn Erinnerung und Würdigung nur eine Sache der jeweiligen Generation ist, so wären auch alle anderen diesbezüglichen Aktivitäten fortan einzustellen. Es ist wohl klar, was dies bedeuten würde(?).
Klar, die Welt würde ein ganzes Stück friedlicher werden. Schau doch mal, überall auf der Welt beimpfen Staaten, Familien und Relgionen ihre Kinder mit Hass, den sie durch die Geschichte begründen. So ebbt die Gewalt nie ab, sondern bedingt sich gegeneinander und eskaliert. Zur Emanzipation des einzelnen gehört die kritische Distanz zu seinen Vorvätern. Wer in tradierten historisierten Denkmustern und Ritualen festhängen bleibt wird niemals frei sein.
Um es nochmals zu unterstreichen: gegen eine historische Aufarbeitung habe ich nichts, fände das sogar empfehlenswert und spannend. Aber hier geht es um einen klischeebeladenen Film, der, gerade weil er in den Staatsmedien gezeigt und von ihnen produziert worden ist, der geschichtsverfälschenden Mythenbildung verdächtigt werden kann. Vermutlich soll das anscheinend angeknackste Kollektivselbstbewußtsein damit gekittet werden. Sicherlich betreibt dieses Geschäft auch Hollywood. Aber der deutsche Film wollte einmal gegen Hollywood etwas anderes sein? Andersrum bezeichnet sich Hollywood auch ehrlicherweise als “Traumfabrik”.
Ach ich weiß nicht, ob es so viel Sinn macht darüber zu spekulieren, ob alle Deutschen nur Täter sein könnten? Wie nennen Jungtürken ihre deutschen Opfer… richtig “Du Opfer”! Das Problem ist aber nicht das verkorkste Geschichtsbild in Deutschland, sondern eine allgemeine Tendenz der bezahlten Politik wichtige Dinge erst gar nicht anzufassen. Schau Dir Merkel an, vor der Wahl stramm neoliberal, nach der Wahl genau entgegengesetzt. Das sind Leute, die machen alles, um “an der Macht” zu sein, aber letztlich ist von solchen Personen nicht viel zu erwarten. Letztlich fehlt es schlicht an geeignetem politischen Personal einen Typen wie Ergodan richtig zu behandeln. Politiker mit Kanten gibt es nicht mehr in Deutschland.
Den Nachkommen der Vertriebenen steht ein eigenes Zentrum zu. Es ist ein Teil ihrer eigenen Geschichte und Identität, welche nicht der PC geopfert werden sollte.
Wieso denn auch noch den NACHkommen? Die haben sich doch vorzüglich in der Bundesrepublik integriert? Vielleicht gibt es einige, die so etwas wollen? Mag sein! Aber -für mich gesehen- verzichte ich liebend gerne auf so ein “Zentrum” und wenn sie es schaffen sollten, den Polen alles Land wieder wegzuklagen, will ich keinen Hektar davon! Wenn man das dumme Gesabbel von Kindheit an kennt, mit all seinen verdeckten Boshaftigkeiten, Judenhass und einem prinzipiellen Defizit an Selbsterkenntnis, dann sollte man ein RECHT darauf haben, NICHT mit seinen Vorfahren in einen Topf geworfen zu werden. Wo sind wie denn? Bei irgendwelchen Primitiven mit Stammeshirachie und Ahnenkult? Nee nee…
Deine Anmerkungen zu den CSA teile ich übrigens. Verweise hier gerne auch auf einen lesenswerten Artikel, der das Problem in ein paar Absätzen gut verdeutlicht. Vom Herzen bin ich Südstaatler und die Yankies würde ich wie hier die Gutmenschen hassen…
Noch ein wenig Mythenbildung über Youtube? - Schaut man sich den Clip genau an, dann fällt jedoch auf, dass es heute nur 3 Typen sind, die durch den Wald zurück nach Richmond stapfen… Absolute Idealisten!
Comment by geisteswelt — March 5, 2008 @ on March 5, 2008 at 5:12 pm.