GeistesWelt

November 19, 2007

Falling Down – Ein (fast) ganz normaler Tag

Filed under: Gesundheit

Am Georg-Büchner-Gymnasium in Köln hätte es nach Medienberichten morgen, am 20.November 2007, dem ersten Jahrestages des sogenannten Amoklaufes Sebastian Bosses im münsterländer Emsdetten, zu einem weiteren Amoklauf kommen sollen.

Die Presse kennt ein neues Phänomen: Laut Stern tragen sie dunkle Mäntel wie in dem Film “Matrix” (1) , sind eher schüchtern und man ist sich nie richtig sicher, ob sie nicht nur gerne Egoshooter am PC spielen oder sinistere Pläne ausbrüten diese Spielwirklichkeiten, bevorzugt an ihren Schulen, kaltblütig wahr werden zu lassen: als Amoklauf!

Bemerkenswert ist, dass der Begriff “Amoklaufen” mittlerweile eine ganz andere Bedeutung bekommen hat als ursprünglich. “Amoklaufen” war ein exzessiver Gewaltausbruch, der unprovoziert und spontan ablief. Der klassische Amokläufer beschreibt, falls er sich nach der Tat nicht suizidiert, den Tathergang nur noch verschwommen und wage. Die seelischen Abläufe, die zu einem klassischen Amoklauf führen werden als seelische Grenzsituationen verstanden.

Vom klassischen Amoklauf unterscheiden die mittlerweile in Mode gekommenen Schulmassaker, dass letzere geplante Aktionen waren. Streng formal müßte man von erweiterten Selbstmorden reden, denn die Täter planen eigentlich nur einen Suizid und die Bühne der, für einen jungen Menschen sozial stark prägenden, Schule scheint lediglich geeignet zum Ausleben von Bestrafungsphantasien. Ebenso schmeichelt dieses “Ende mit Schrecken” den, wohl augenscheinlich narzißtisch geprägten, Tätern mehr als der einsame letzte Gang zur Brücke oder den Bahngleisen.

Die öffentliche Darstellung unterschlägt also das Hauptmotiv des jugendlichen Täters (den Selbstmord) und zeichnet ein Bild eines gefährlichen Killers. Beim gestern bekannt gewordenen Fall wurde deutlich wie automatisch und klischeehaft Polizei und Presse arbeiten. Erst heute wurde nach Abschluß der Verhöre klar, dass die Jugendlichen nur ein Massaker andachten und letztlich vor einer konkreten Durchführung zurückschrecken. Gestern jedoch präsentierte die Polizei voller Stolz auf ihren vermeintlichen Fahnungserfolg der Presse die angeblichen Tatwaffen: Zwei Luftpistolen und eine Armbrust. Wie naiv sind die, zu meinen mit solchem Gerät hätte man die Feuerkraft, die man für einen erfolgreichen und effektiven Amoklauf bräuchte?

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Jäger und Gejagtes: Die nach Polizeimeinung hoch gefährlichen Waffen der Jugendlichen

Vieles ließ also den groß angekündigten Amoklauf fraglich erscheinen. Die Tragik des Schicksal will es, dass einer der Verdächtigen nach einem Polizeiverhör vor eine Straßenbahn sich stürzte und starb, - er wurde keine 18 Jahre alt. Wäre sein Tod vermeidbar gewesen hätte man seine Tagträume von einem Amoklauf richtig einzuordnen gewußt?

Hintergrund:

Anspielung in der Überschrift auf den Film “Falling Down”

(1) Stern vom 19.November 2007

7 Comments »

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  1. Man hat bei dieser traurigen Geschichte in der Tat den Verdacht, dass Medien, also letztlich die Bedürfnisse der Medienkonsumenten befriedigt werden. Diese können durchaus politischer Art sein, bspw. “Killerspiel”-Verbotswünsche oder negative Einstellungen zu Selbstverteidigungsmitteln.
    Danke für diesen Beitrag und diese Beobachtung!

    Comment by Hamster — November 19, 2007 @ on November 19, 2007 at 8:16 pm.

  2. Und Sie erklären dann den Hinterbliebenen der erschossenen Schulkameraden, dass das schließlich kein Amoklauf, sondern nur ein erweiterter Selbstmord war?

    Nachher schlauer zu sein, als die Polizei vorher gewesen sein muss, das ist leicht. - Ihr Kommentar ist leider hochnäsig.

    Comment by fashushi — November 20, 2007 @ on November 20, 2007 at 12:06 pm.

  3. Noch zwei Frage an den selbst Hochnäsigen:
    Welcher Straftatbestand liegt vor?
    Wie ist der Freitod des jugendlichen “Täters” einzuordnen?

    Comment by Hamster — November 20, 2007 @ on November 20, 2007 at 6:13 pm.

  4. Die Gefahr besteht, dass man nur noch Stereotypen sieht und der Sache so nicht gerecht wird. Die beiden Kölner Jugendlichen haben sich zwar in ihrer Phantasie mit der Tat beschäftigt und wahrscheinlich auch identifiziert, aber das ist menschlich: Wenn man sich machtlos vorkommt verschafft man sich so über eine imaginäre Scheinwelt wenigstens das Gefühl Macht zu haben.

    Schließlich haben sie sich aber dazu entschlossen ihre Träume Träume sein zu lassen und die Tat haben sie fallen gelassen. Jetzt kam es zur Anzeige, weil sie auf ihrer Homepage Anspielungen auf ein Massaker gemacht haben und der ganze Fahnungsapparat lief an. Einer der Jungen brachte sich dann um, weil er dem Druck nicht gewachsen war.

    Ich finde das traurig, vor allem weil ich denke, dass soetwas unnötig ist. Ein ehrliches Gespräch hätte wahrscheinlich den Jungen vor dem Suizid bewahrt. Dazu reicht es, wenn Polizeibeamten sensibilisiert dafür werden, dass diese Leute ihre Taten nicht aus gewöhnlichen kriminellen Beweggründen planen, sondern aus psychischen Notsituationen keinen anderen Ausweg sehen und sie eben wie andere Selbstmordgefährdete behandelt werden sollten. Ich denke es lohnt sich darüber nachzudenken, wenn man denn dazu bereit ist.

    Comment by geisteswelt — November 20, 2007 @ on November 20, 2007 at 8:34 pm.

  5. >>Noch zwei Frage an den selbst Hochnäsigen:
    >>Welcher Straftatbestand liegt vor?
    >>Wie ist der Freitod des jugendlichen “Täters” einzuordnen?

    1. Straftatbestand ist ein Begriff aus der Strafverfolgung, nicht aus der polizeilichen Prävention. Sie werden wissen, dass die Polizei beide Aufgaben zu bewältigen hat. Was ich dem Artikel vorwerfe ist, dass ausschließlich auf Freiheitsbegriffe abgestellt wird, während die notwendige Abwägung mit anderen Prinzipien unterbleibt. Sie können nicht bestreiten, dass Amokläufe Realität sind. Sie können auch nicht bestreiten, dass die These, dass ein Amoklauf, bei dem zunächst etliche andere und (gewöhnlich) erst dann der Täter stirbt, mit dem Begriff “erweiterter Selbstmord”, der sich auf Tötungen eigener Kinder oder den Ehepartner durch einen Suizidanten bezieht, hier fehl am Platze ist, sofern er erklären soll, wieso die Polizei dem Verdächtigen gegenüber abwartend agieren soll. Ich werfe dem Autor nicht vor, dass er in der Sache zu einem anderen Ergebnis kommt, sondern dass er überhaupt keine Abwägung vorgenommen hat.

    2. Freitod, my ass. Sie sagen, er war suizidal und plante einen erweiterten Freitod, der den Mord an Anderen umfaste, was Sie gedanklich unterschlagen, dann wird der der vorgehabte Täter polizeilich erkannt und gestellt und begeht Suizid, und nun fragen Sie mich, wie das einzuordnen ist.

    Diese Mord-Gestalten haben aktive Maßnahmen ergriffen, Waffen gesammelt, Pläne geschmiedet. Strafrechtlich ist das möglicherweise ohne Belang, weil sie zurückgetreten sind (ob in jeder Tatbestand, wäre zu prüfen). Aber polizeirechtlich und vor allem lebenpraktisch ist das erst sehr viel später mit Sicherheit zu sagen.

    DAS ist mein Einwand: Dass der Aufsatz oben eine bequeme post hoc Perspektive einnimmt, das aber die Abläufe nur in ihrem realen Verlauf korrekt zu bewerten sind. Wenn also Hinweise vorliegen, dass die Polizei sich während der von den Spinnern mit ihren unverantwortlichen Äußerungenund Handlungen selbst geschaffenen Bedrohungslage sicher sein konnte, dass es sich um einen reinen und bereits beendeten Plan handelte, und es wurde trotzdem massiv verfolgt, DANN würde ich Ihre Position verstehen. Aber hierfür habe ich keine Argumente gefunden.

    Und um zum letzten Kommentar etwas zu sagen: Nein, es ist nicht Aufgabe der Polizei, für die Todes”träume” irrer Jugendlicher sensibilisiert zu sein. Sie sprechen hier “Träumen”; diese Spinner “träumten” davon, konkret lebende Menschen zu ermorden. Sie tun so, als wäre das irgendiwe neutral. Dieselben Leute stehen sofort mit Kerzen vor einer Schule, wenn es wieder einmal gerummst hat, und greinen “Warum? Warum nur?!”, um dann nahtlos gegen die Polizei anzutreten, die das alles doch hätte erkennen und verhindern müssen. Wie wäre es denn damit, die Jugendlichen dafür zu sensibiliseren, dass es Dinge gibt, die man nciht tut, zum Beispiel einen Amoklauf zu planen, und das sowas Konsequenzten hat, die über Händchenhalten und sozialtherapeutische Gespräche hinausgehen? Es ist nicht menschlich, sich in der Phantasie die Ermordung anderer Menschen auszumalen. Man muss schon seine moralischen Standards sehr weit heruntersetzen, um so etwas für sich zu akzeptieren. Kein Wunder, dass dabei dann solche Kinder heruaskommen.

    Betroffenheit kann krankhafte Züge annehmen.

    Selbstgerechtigkeit ist eine Pest.

    Comment by fashushi — November 21, 2007 @ on November 21, 2007 at 10:50 am.

  6. “dann wird der der vorgehabte Täter polizeilich erkannt und gestellt und begeht Suizid, und nun fragen Sie mich, wie das einzuordnen ist.”

    Da sie darauf keine Antwort geben, so gebe ich sie mal: klarer Fall von Versagen der Polizei. Selbstmörder gelten als nicht eigenverantwortlich handelnd und die Polizei hat hier in ihrer Garantenstellung versagt. Wenn ich sie richtig verstehe meinen sie, dass es eigentlich egal wäre, da er sich sowieso umbringen wollte. Wenn das die Berufseinstellung der Polizei in Deutschland wäre, dann würde mich das wundern und bekäme richtig Angst…

    Ich denke das Hauptproblem zwischen uns liegt in der Einschätzung der Sachlage. Ich würde einen finalen Rettungsschuß gutheißen, um einen aktiven Serienmörder zu stoppen, keine Frage. Aber wo fängt polizeiliche Prävention an? Ein Verdacht eines Lehrers, Blaulicht und Vernehmung auf der Polizeiwache? Pressekonferenz mit Blitzlichtgewitter, auf der zwei Gaspistolen und eine Armbrust gezeigt werden (man kann wirklich nicht mit so einem Zeugs seine “Todeslisten” abarbeiten, die angeblich gefunden sein sollen) und am Ende ein toter Verdächtiger, der eigentlich gar nicht mehr ein Verbrechen begehen wollte?

    Die Frage, was da wohl schief gelaufen mag sein, die sollte man sich immer noch stellen dürfen. Ich möchte mich nicht mit polizeitechnischen Kollateralschäden einfach so abfinden.

    Comment by geisteswelt — November 21, 2007 @ on November 21, 2007 at 5:59 pm.

  7. >>Ich denke das Hauptproblem zwischen uns liegt in der Einschätzung der Sachlage. Ich würde einen finalen Rettungsschuß gutheißen, um einen aktiven Serienmörder zu stoppen, keine Frage. Aber wo fängt polizeiliche Prävention an? Ein Verdacht eines Lehrers, Blaulicht und Vernehmung auf der Polizeiwache? Pressekonferenz mit Blitzlichtgewitter, auf der zwei Gaspistolen und eine Armbrust gezeigt werden (man kann wirklich nicht mit so einem Zeugs seine “Todeslisten” abarbeiten, die angeblich gefunden sein sollen) und am Ende ein toter Verdächtiger, der eigentlich gar nicht mehr ein Verbrechen begehen wollte?

    Comment by fashushi — November 22, 2007 @ on November 22, 2007 at 11:11 am.

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