GeistesWelt

April 14, 2007

Hans Filbinger, Opfer einer “politisch sensibilisierten Öffentlichkeit”?

Hans Karl Filbinger ist am 1. April diesen Jahres in Freiburg im Breisgau-Günterstal gestorben. Er war lange Zeit Ministerpräsident des Landes Baden-Württembergs. 1978 wurde durch eine Veröffentlichung des Schriftstellers Rolf Hochhuth 1 in der Wochenzeitung “Die Zeit” Filbingers Mitwirkung an vier Todesurteilen bei NS-Kriegsgerichtsverfahren bekannt. Aufgrund der darauf folgenden Medienkampagne mußte Filbinger von seinem Amt als Ministerpräsident zurücktreten. Der jetzige Ministerpräsidenten Günther Oettinger (CDU) hielt am 12. April eine Trauerrede, die im Elfenbeinturm der Mediengestaltenden einigen Wirbel auslöste: von “brachialer historischer Unwahrheit” spricht Hamburgs SPD-Spitzenkandidat Michael Naumann 2; die Vorsitzende des Zentralrats der Juden, Charlotte Knobloch 3, sieht in Oettingers Rede eine “Perversion der historischen Realität”. Der Schriftsteller Rolf Hochhuth 1 , der 1978 Filbingers Tätigkeit als Marinerichter gegen Ende des Krieges aufgedeckt hatte, hält Oettingers Darstellung für eine “unverfrorene Erfindung”. Filbinger sei “ein sadistischer Nazi” gewesen. Der Präsident der Berliner Akademie der Künste, Klaus Staeck 4, äußert die Hoffnung, dass es Oettinger nicht gelinge, Filbinger “im Nachhinein zum Märtyrer” zu machen.

Medienkampagnen laufen so, dass die medialen Reaktionen bald nur noch und ausschließlich Inhalt der Meldungen sind, der Gegenstand als solcher tunlichst ausgeblendet wird. So hat das Simon-Wiesenthal-Zentrum mit Rücktrittsforderungen Oettinger den Klimax der emotionalen Empörungskaskade eingeläutet. Die Rücktrittsforderungen werden dann pauschalisiert durch die Presse wiedergegeben und man konstatiert „der Druck auf Oettinger nehme zu“. An und für sich kann man es aber so zusammenfassen, dass Filbingers Feinde heute noch nach dessen Tod ihren Hass mit Schaum vor dem Mund verbreiten, in der stillen Hoffnung noch einen weiteren politischen Rufmord an einem ungeliebten konservativen Gegner begehen zu könne. Aber schauen wir die wenigen greifbaren Punkte der Empörung uns näher an (im Wortlaut der Rede durch „Spiegel-Online“ fett dargestellt):

Filbinger war kein Nationalsozialist: Filbinger trat später als andere der NSDAP bei, zuvor gehörte er dem katholischen Schüler- und Studentenbund Neudeutschland an. Die Vereinigung, die politisch dem Zentrum nahestand, widersetzte sich einer Eingliederung in die Hitler-Jugend und wurde 1939 als staatsfeindlich verboten. Hans Filbinger, der eine führende Rolle im Bezirk Nordbaden spielte, forderte seine Bundesbrüder im April 1933 auf, die Vereinstätigkeit im Rahmen der bisherigen Zielsetzungen fortzuführen. Ein Stipendium der “Studienstiftung des Deutschen Volkes” wurde Filbinger verweigert, weil er “einen ausgesprochen religösen und konfessionellen Weltanschauungshorizont” habe. Filbinger war kein überzeugter Nationalsozialist, das wollte Oettinger ausdrücken als er sagte: anders als in einigen Nachrufen zu lesen, gilt es festzuhalten: Hans Filbinger war kein Nationalsozialist. Im Gegenteil: Er war ein Gegner des NS-Regimes. Allerdings konnte er sich den Zwängen des Regimes ebenso wenig entziehen wie Millionen Andere. Wenn wir als Nachgeborene über Soldaten von damals urteilen, dann dürfen wir nie vergessen: Die Menschen lebten damals unter einer brutalen und schlimmen Diktatur!

In Bezug auf die spätere Tätigkeit als Marinerichter sagt Oettinger: Es gibt kein Urteil von Hans Filbinger, durch das ein Mensch sein Leben verloren hätte. Und bei den Urteilen, die ihm angelastet werden, hatte er entweder nicht die Entscheidungsmacht oder aber nicht die Entscheidungsfreiheit, die viele ihm unterstellen. Hans Filbinger hat mindestens zwei Soldaten das Leben gerettet: Einer von ihnen, Guido Forstmeier, weilt noch heute unter uns und kann bezeugen, dass sich Filbinger dabei großer Gefahr ausgesetzt hat. Da hat Oettinger recht, Filbinger war ein ausgesprochener milder Richter. Der Vorfall der ihm immer angelastet wird ist das Todesurteil gegenüber Walter Gröger, der wegen Fahnenflucht angeklagt worden ist und Filbinger auf Betreiben seiner Vorgesetzten in der Rolle des Staatsanwaltes die Todesstrafe fordern mußte, die dann auch vom Richter bei eindeutiger Beweislage ausgesprochen worden ist. Hinzu kommt, dass Filbinger als Staatsanwalt -wie es vorgeschrieben war- der Hinrichtung beiwohnen mußte, was in den Vorstellungen vieler heute der Grund ist, ihre emotionale Abneigung (neben der politischen) zu begründen. Damals entsprach es der Realität des Krieges und viele seiner Kritiker sind spätgeboren, unfähig es zu begreifen.

Jetzt ist der Fall Filbinger ein Fall der damals vor 30 Jahren die Gerichte und Gemüter erregte und eine Würdigung oder Kritik ist ohne ausreichendes Quellenstudium nicht möglich. Was aber hier vollkommen untergeht ist, dass Oettinger eine Trauerrede am Sarg des Verstorbenen und vor seiner Familie gehalten hat. Filbinger erscheint nicht ein Überzeugungstäter damals gewesen zu sein und ist gewiss auch kein „sadistischer Nazi” gewesen wie es Rolf Hochhuth 1 hier wieder behauptet. Überhaupt solche Beleidigungen eines frisch Verstorbenen zeigen doch nur das geistige Niveau Filbingers Gegner.

Fazit: Im Fall des SS-Manns und Linken Günter Grass war das mediale Echo auf seine Nazivergangenheit ausgesprochen milde. Im Falle eines konservativen Ministerpräsidenten wird anscheinend erwartet ihn auch noch an der Bahre zu verunglimpfen. Schaut man sich die Mehrzahl der Empörer an, dann wird deutlich, dass Filbingers Gegner zum größten Teil genau das sind, was Franz Josef Strauß „rote Ratten“ genannt hätte und links eben eine moralische Eigenart ist, keine politische. Zutreffend hat es der Historiker Wolfram Wette in einem Aufsatz beschrieben: Gemeinhin werde gesagt, Filbinger sei an seiner Nazivergangenheit gescheitert. “Das ist so nicht richtig. Sein Problem war die Art und Weise, wie er mit den historischen Fakten in einer politisch sensibilisierten Öffentlichkeit umging.” Filbinger habe nicht erkannt, dass man einer moralischen Empörung “nicht mit juristischen Entlastungsdetails beikommen kann”. Aber dabei sind es doch gerade die „juristischen Entlastungsdetails“, die in einem Rechtsstaat einen Menschen vor einer „politisch sensibilisierten Öffentlichkeit“ schützen sollten?

1 laut Wikipedia ist Rolf Hochhuth ein deutscher Dramatiker und ein maßgeblicher Anreger des Dokumentartheaters. Schriftstellerisch setzte er sich oftmals mit der NS-Vergangenheit und mit aktuellen politischen und sozialen Fragestellungen auseinander. Dabei stellt er Personen der Zeitgeschichte innerhalb der Zeitumstände dar und verbindet sie mit erfundenen Figuren. Kritiker werfen Hochhuth vor, rückläufige öffentliche Aufmerksamkeit als Dramatiker mit publikumswirksamen skandalträchtigen Effekten zu kompensieren. Darauf seien vermehrte Skandal-Meldungen in den Medien und darauf folgende öffentliche Diskussionen zurückzuführen. So hatte Hochhuth in „McKinsey kommt“ eine Passage eingebaut, die von Medienvertretern als mögliches „Verständnis für einen Mordaufruf“ gegen den Deutsche-Bank-Vorstandsvorsitzenden Josef Ackermann interpretiert wurde. Im März 2005 geriet Rolf Hochhuth erneut in die Schlagzeilen, da er in einem Interview mit der konservativen Wochenzeitung Junge Freiheit den britischen Publizisten David Irving verteidigt hatte, der mehrfach gerichtlich als Holocaustleugner verurteilt wurde (München 1993, London 2000, Wien 2006) und in Deutschland mit einem Einreiseverbot belegt ist. Hochhuth sagte: „Irving ist ein fabelhafter Pionier der Zeitgeschichte, der großartige Bücher geschrieben hat. Ganz zweifellos ein Historiker von der Größe eines Joachim Fest. Gegenüber dem Berliner “Tagesspiegel” bekräftigte Hochhuth die Parteinahme einen Tag später.

2 2004 wurde Naumann wegen Beleidigung des damaligen Berliner Generalstaatsanwaltes Hansjürgen Karge (SPD) zu einer Geldstrafe von 9.000 Euro verurteilt. Zuvor hatte Naumann in einer Sendung des Senders n-tv zum Skandal um Michel Friedman (CDU) den ermittelnden Staatsanwalt als „durchgeknallt“ bezeichnet.

3 Eine ehemalige Hausangestellte ihrer Eltern rettete Charlotte vor dem Holocaust; sie brachte das Mädchen zum Bauernhof ihrer katholischen Familie nach Franken und gab es als eigenes uneheliches Kind aus.

4 Seine satirischen Plakate und die von ihm kommerziell vertriebenen Postkarten-Ausgaben richteten sich häufig gegen Inhalte der Politik von CDU/CSU. Seine Satire provozierte immer wieder Politiker in konservativen Kreisen. Dadurch kam es des Öfteren zu eher unspektakulären Eklats und juristischen Streitigkeiten, was ihm allerdings durchaus entgegenkam, da dies seine Bekanntheit nicht unwesentlich förderte.

6 Comments »

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  1. Ich glaube, das Problem bringst Du treffend auf den Punkt, wenn Du schreibst, dass links eben eine moralische Eigenart ist, keine politische. Argumente bringen da wenig.

    Comment by Joachim — April 14, 2007 @ on April 14, 2007 at 8:08 pm.

  2. Ach GeistesWelt, alles ein Konstrukt und (somit) der Beliebigkeit des Zeitgeistes unterworfen.

    Jene, die sich heute über die “Mitmacher” von einst auslassen, diese mögen sich heute wegen ihres Schweigens und Duckens vor dem auziehenden Islamofaschismus erst mal selbst an die Nase fassen.
    Menschen sind in ihren Urteilen über andere Menschen immer so wundersam selbstgefällig - siehe Milgram-Experiment.

    Comment by Wilhelm — April 15, 2007 @ on April 15, 2007 at 8:04 am.

  3. Traurig wird es aber, wenn der Mitmacher von damals doch schon irgendwie ein kleiner “Schindler” war, der die Rolle die er einnehmen mußte im Sinne für die Angeklagten wahrnahm und seine Humanität durchaus nicht verlor.

    Wenn man sich die Mühe macht die Fakten zusammenzutragen, dann war es der im Beitrag erwähnte Walter Gröger, für den Filbinger das Todesurteil aufgrund Druck von der Heeresleitung fordern mußte (bei dem Verfahren war er aber nicht Richter) und noch vereinzelte Todesurteile, in dem der Angeklagte in Abwesenheit zum Tode verurteilt worden ist. In Anbetracht der Zeit (man wußte, dass der Krieg verloren war) kann man davon sprechen, dass diese Urteile in dem Sinne gefällt worden sind, dass sie niemals vollstreckt worden wären (und sind) und eher symbolischen Charakter hatten. Wenn man jetzt sagt, die ganze Symbolik wäre falsch, dann sollte man wissen, dass Desateure in vielen Armeen der Welt erschossen werden/wurden sind und das kein Kriegsverbrechen ist und davon abgesehen Filbinger außer im Fall Gröger kein solches Urteil bewiesen werden konnte.

    Jetzt wird er als gnadenloser Nazijurist verunglimpft und dass man als Trauerredner würdevolle Worte findet und den Verstorbenen positiv darstellt ist manchen die da “Nazi” schreien so unverständlich, so wie vielleicht so manch anderes gutes Benehmen. Nebenbei: dass Angela Merkel auch in dieser Frage eingeknickt ist, hat mich enttäuscht und ich werde mich nicht mehr weiter von ihr entäuschen lassen.

    @Wilhelm: Historie ist (sollte) eine objektive Wissenschaft (sein), die aus Darstellung und Interpretation der Quellen besteht. Die Darstellung geht der Interpretation voraus und die Interpretation ist als solche kenntlich zu machen. Das andere ist Pseudohistorie, die Quellen werden versteckt und einzig die (politisch gewollte) Botschaft in den Raum gestellt, -kein Mensch kann sich aufgrund der Quellen jedoch eine andere Ansicht von den historischen Dingen machen. Auf gut Deutsch ist das also Propaganda oder ein Gesichtsbild wird gebraucht um Dinge in der Gegenwart zu rechtfertigen. Man muß mal drauf achten, aber dieses Denken trifft man weit häufiger an als man es vielleicht denkt und keiner stellt es in Frage, obwohl sicher kaum ein kausaler Zusammenhang zwischen Dingen besteht die weit entfernt in der Zeit liegen. Es ist ein konstruierter Zusammenhang mit Sinn und Zweck für die Gegenwart. Dieses Denken ist dann immer nur ein Nachdenken niemals eigenes Denken. Schaut man sich die Lehrpläne, so scheint diese Art von Denken -dank 68′er- Lehrziel zu sein.

    Wahre Historie ist so nüchtern und langweilig wie die Archäologie der Hünengräber. Das Volk will einen Däniken haben, der sich immer dankbar finden wird…

    Comment by geisteswelt — April 15, 2007 @ on April 15, 2007 at 9:40 am.

  4. Doch, lass Dich von Angie weiter enttäuschen! Ich glaube nämlich, dass bei aller Schwäche, die sie zeigt, sie noch immer alternativlos ist.

    Comment by Joachim — April 15, 2007 @ on April 15, 2007 at 9:33 pm.

  5. @Joachim: Du meinst alte Liebe rostet nicht? Aber die derzeitige Situation ist doch nicht akzeptabel: Die Regierung nennt Steuererhöhungen und Erhöhung der Staatsquote “Reform”, schlimmer hätte es wahrscheinlich unter Schröder nicht kommen können, den hätte man noch über den Bundesrat stoppen können.
    Schaut man auf die Umfragen, dann ist Angies CDU/CSU zwar stärkste Partei, zusammen mit der FDP ist sie aber gerade hauchdünn vor den Linksparteien. Also würden Neuwahlen zu genau demselben Ergebnis führen, wie wir es jetzt haben: CDU/CSU reden der SPD nach dem Mund, um sie nicht in die Hände von Lafontaine und Co zu treiben, vernünftige Politik ist das aber nicht.

    Comment by geisteswelt — April 16, 2007 @ on April 16, 2007 at 8:19 pm.

  6. Ruhe der Filbinger in Frieden! Das war noch jemand, dem man preussische Tugenden nachsagen konnte! Sozis wie Hitler und seine Nachfolger koennen diese Ehre nicht beanspruchen. Dieses rotbraune Gesindel hatte mit Ehre und Aufrichtigkeit noch nie etwas amm Hut.

    Das der Filbinger als Marinerichter seine Pflichten erfuellt hat, ist ihm nicht vorzuwerfen. Im Zweiten Weltkrieg wurden Feiglinge und Deserteure von allen Kriegsparteien abgeurteilt und hingerichtet. Nicht nur auf Seiten der Deutschen. Sollte es wieder einmal zu einem derartigen Kieg kommen und die Kampfmoral schwinden, dann werden solche Urteile wieder gefaellt werden muessen. So ist das nun einmal im Krieg und wird sich auch nicht aendern. Wenn die Truppe nicht marschieren will, dann muss man sie dazu zwingen oder kapitulieren.

    Comment by Blog-Kommentar — April 25, 2007 @ on April 25, 2007 at 3:55 am.

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